Atelier & Privatgalerie: Künstler Bernhard Karlowitz vor der Hekuba-Serie in cézannscher Graphittechnik.
Die Künstlertechnik als Ausweis moderner Malhaltung

Bernhard Karlowitz definiert Ästhetik über die absolute Authentizität der poetischen Ebene seiner Kunst. In seiner modernen Malhaltung wird das Hässliche durch den modernistisch-authentischen Formwerdungsprozess schön.
Schönheit wird hier im vorsokratischen Sinne an den authentischen Erkenntnismoment der parmenidischen Begegnung mit der Göttin Dike verknüpft.
Der Künstler entzieht sein Werk nicht nur durch die kontemporär unabhängige Wahl seiner Sujets, sondern insbesondere durch die Radikalität seiner Materialität, ungewöhnliche Anschnitte und die Wucht des unmittelbaren Strichs vehement jener kontemporären Formdefinition, welche die Hochkunst in einen ästhetisch oberflächlichen Begriff eintaucht – und sie darin substanzlos versenkt.

Die modernistisch-künstlerische Serie offenbart die Flüchtigkeit des unmittelbar kreativen Prozesses; sie ist das serielle Dokument der Formfindung. In der Tradition von Oskar Kokoschkas monumentaler Grafikreihe „O Ewigkeit, du Donnerwort“ – getrieben von Raserei und Qual – erfordert die moderne Künstlerserie die Tiefe des gereiften Künstlers:
Prozessmomente werden dabei nicht bloß abgebildet – vielmehr generiert das Einzelwerk in seiner Prozess-Chronologie den Weg der Kunst selbst.
Unmittelbar im flüchtigen Gedanken, im momentanen Impuls, wird die Form dem Augenblick gestisch-rasant abgerungen.
Die Serie in dieser unnachgiebigen modernistischen Tradition ist daher niemals ästhetische Variation oder serielle Reproduktion, sondern ein gestaltungsaktives Prozessdokument: unwiederholbar und unikatär.
01/20
Acht Studienblätter des Hekubazyklus, der weit über fünfzig Einzelarbeiten umfasst, wurden zur Präsentation für Sammler freigegeben. Die Hekuba-Zeichnungen sind auf werkstättisch-schlichtem, grauem Studienpapier gearbeitet. Jede Zeichnung ist unverkennbar unikatär und trägt einen jeweils anderen Erkenntnismoment oder ein anderes Moment der poetischen Frage des euripidäischen Themas in sich. Sie entstanden in einer zusammenhängenden Arbeitsphase im sommerheißen Dachatelier des Künstlers über mehrere Wochen von Juli bis September 2025. Die Exponate sind mit handgeschnittenen Passepartouts versehen. Der tiefe Passepartout-Ausschnitt erlaubt dem Künstlerblatt die Lebendigkeit der Duktustiefe, der Arbeitsspuren und des Blattes selbst. Die Kunstwerke sind in hochkarätige Echtholzrahmen mit Blattvergoldung oder Silber gefasst. Sie werden bei Übergabe handsigniert überreicht.
Materialität: Graphit (partiell kombiniert mit Zinksulfid-Pigment, Pastell, Reiskohle und Kreide) auf grauem Studienpapier.
Dimensionen: ca. 72 x 52 cm (Blattmaß) | ca. 83 x 63 cm (Gerahmt).
Datierung: 2025.
Die Hekuba-Serie ist in der klassischen Studientechnik der Moderne ausgeführt. Cézanne soll für seine Arbeiten in Graphit nur einen Stift (bzw. nur einen Härtegrad) pro Zeichnung verwendet haben. Warum ist das eine wichtige Bemerkung? Ganz einfach: Weil wir daran ermessen, daß das Künstlergerät als intuitiv geführte Verlängerung des Armes des Malers zum Teil seiner selbst wird.
Die Vielseitigkeit des Striches, die Grauwertmodulation, die Tempovarianten, die Akzentuierungen, mühelose Wechsel zwischen Linien- und Flächenbeschreibung: Regungen, die aus der unmittelbar intuitiv geführten Hand des Malers entstehen. Das verrät uns, daß das Ziel der Modernen Maler nicht die ästhetische Form, die Formerfüllung, ist, sondern die Unmittelbarkeit und Authentizität im künstlerischen Gestaltungsakt.
Der moderne Maler verwendet das monistische Instrument Graphit in so intuitiver Weise wie ein Sänger seine Stimme, ein Tänzer seinen Körper: der Graphitstift ist ohnehin ein Ausweis des Übergangs der klassischen Zeichnung in die Moderne Malhaltung. Insbesondere in dieser Studien-Technik wird die intuitive Kraft des Künstlers verbindlich und offenbar.
Die Reminiszenz an Cézanne durch die monistisch-instrumentale Ausführung ist nicht nur Nostalgie, sondern auch das Training, daß sich ein kontemporär Moderner Künstler auferlegt, um den Funken der großen Modernen Meister nicht erlöschen zu lassen, insbesondere in dieser Epoche des oberflächlichen Ästhetizismus.
Hekuba ist die tragische Protagonistin eines Stückes des antiken Tragödiendichters Euripides (5. Jh v. Chr.). Sie ist Namensgeberin der Tragödie Hekabe und zentrale Figur der Tragödie Die Troerinnen: Troja nach der Kapitulation der Troer und dem Sieg der Griechen: Als alle Männer und männlichen Kinder durch die Griechen getötet wurden und alle Frauen zu Sklavinnen werden, obliegt es Königin Hekuba von Troja in ihrer Präsenz zu reflektieren, welche menschliche, moralische oder gesellschaftliche Haltung angesichts der Realität einer vernichteten Gesellschaft bleibt.
Ein besonderer Moment in Die Troerinnen ist jener, in welchem Hekuba darauf reagiert, daß ihr Enkelsohn Astyanax, als letzter noch lebender männlicher Trojaner, getötet wird.
Die genozidale Intention der siegrestrunkenen Griechen wird mit diesem Akt vollendet. Das vollkommene Scheitern der Menschlichkeit wird offenbar.
Welche Haltung, welche Worte sind in diesem Moment übrig, welche Worte sind noch möglich? Eine Frage, die die Hekuba zu einer literarischen Figur macht, die für uns, kontemporär, nicht aktueller sein könnte.
Welche Worte haben wir heute?
2300 Jahre später werden die Studien des Künstlers zur vielfach wiederholten Befragung der Figur Hekuba.
Was bleibt im Angesicht der menschlichen Bereitschaft zum Genozid?
Ist es
Bernhard Karlowitz ist als Zeichner bekannt für seinen intuitiv gestischen Strich. Er arbeitet in der Tradition der Moderne unmittelbar aus dem Erlebnismoment heraus. Erlebnis- und Gestaltungsakt sind Eins.
In ein jeder Arbeit der Hekuba-Serie aus dem Jahr 2025 verschiebt sich der künstlerische Ausdruck um eine Nuance oder findet neue Ausdrucksaspekte.
Es sind die Nuancen der Ausdrucksverschiebungen, die die Hekuba-Serie künstlerisch als Gesamtwerk charakterisieren und ausmachen.
Ausdrucksverschiebungen, die den Versuch wagen, über die Wortlosigkeit unmöglicher Antworten hinauszugehen.
Der Künstler, der Zeichner Bernhard Karlowitz folgt in diesem künstlerisch-medialen Ansatz von Zeichnung und Studie der Tradition des Mediums der klassisch monochromen Studie.
Die cézannesque Monomaterialität seiner Technik wird auf dem dunkelgrauen Papier in andere Spären getaucht; läßt die Hekubafigur erscheinen, auftreten, verleiht ihr ein unaufdringlich-theatralisches Moment, welches bei einigen der Arbeiten mit zuletzt mit losem Pigment und Pinsel oder Pastell aufgetragenen Aufhellungen formal nochmals nuanciert herausgestellt wird.
In der künstlerischen Formgebung, welche sich in der Wahl und Handhabung des Materials, sowie in der spezifisch trainierten Künstlerhand und künstlerischen Sensibilität, gestaltet, positioniert sich die Serie von Bernhard Karlowitz vordergründig außerhalb des Zeitgeschehens - ist poetisch-universell. In der Annäherung und Erfassung seiner Kunst erschließt sich die Aktualität; sie wird in epochaler Weise an- und beklagt.
Karlowitz verweigert sich der ständig welchselnd thematischen Besetzung kontemporärer Themen und Scheinthemen, die symptomatisch für die Kunst und ihrer Vertreter unserer Zeit wurde.
Die Kunst, so Karlowitz´ Überzeugung "steht über der Zeit und außerhalb des einzelnen Künstlers selbst".
In seinen großen malerischen Arbeiten zu NARKISSOS, ORPHEUS und LE FAUNE AU SOIR fand Karlowitz eigene Wege, das Unbehagen oder den Schmerz unserer Zeit in einen poetisch übergeordnet künstlerischen Kontext zu stellen.
Diesen Weg als Künstler setzt Bernhard Karlowitz mit der Hekuba-Serie konsequent fort.
Katharine Hepburn war eine herausragende Film- und Theaterschauspielerin des 20ten Jahrhunderts. Die Rolle der Hekuba übernimmt sie 1970. Der griechische Regisseur Michael Cacoyannis bittet sie um Übernahme der Hauptrolle der Verfilmung der Troerinnen und macht die Realisierung des Projektes von ihrer Zusage abhängig. Warum? vermutlich, weil die legendäre Darstellerin zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere die Ausnahme verkörperte, das Studium des klassisch englischen Theaters und des kontemporär us-amerikanischen Theater-Dramas mit ihrer großen Kunst vor der Filmkamera zu vereinen.
Cacoyannis versprach sich nicht zuviel von seiner Wahl.
Man muß erläutern, daß die Hekuba das Zentrum eines Frauenensembles bildet. Sie ist die Klammer, die das Ensemble und das ganze Stück hält.
Die Hepburn war wohl die einzige Diva ihrer Zeit, die sich schauspielerisch zurücknehmen konnte, um die hilf- und sinnlos-klagende Lethargie der Hekuba-Figur zu erfassen, und gleichzeitig das beeindruckendste Schauspielerinnen-Ensemble der zweiten Hälfte des Jahrhunderts anzuführen vermochte (Irene Pappas, Geneviève Bujold, Vanessa Redgrave), wobei jede in ihrer jeweils größten dramatischen Kraft auftritt.
Ohne ihr eigenes dramatisches Repertoire auszuspielen, verbindet sie das hochdramatisch agierende Frauen-Ensemble. Der künstlerische Drahtseilakt, hierbei darstellerisch nicht unterzugehen und somit den Zusammenhalt des Stückes zu gefährden, gelingt Katharine Hepburn. Sie spielt nicht - sie läßt die versiegende Würde der gescheiterten Königin über den Nachhall ihrer verklingenden Haltung gelingen, welche sie verkörpert und ausstrahlt, eher, alsdaß sie spielte.
Der bewußt gewagte Kontrast ihrer Königinnen-Darstellung wird umso deutlicher, denkt man an ihr dynamisches Königinnen-Portrait der Eleonore von Aquitanien, mit welchem sie zwei Jahre zuvor (ganz anders) brillierte.
Künstler Bernhard Karlowitz in der Atelier-Galerie: Präsentation der Hekuba-Serie (Katharine Hepburn als tragische Euripides-Heroine).
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