
Der Orpheische Mythos ist eines der Fragmente, die aus homerischer Zeit in die philosophische Reflexion der griechischen Klassik ins prägende Bewußtsein der Kultur überging. Bernhard Karlowitz begann seine Beschäftigung mit Orpheus über die Lektüre der Übersetzung von Thassilo von Schaeffers Metamorphosen (Ovid — Metamorphosen, Diogenes, 1998) und musikalisch inspiriert durch die cross-over Komposition Orpheus von Manos Hatzidakis (Μάνος Χατζιδάκις), mit einem Gedicht von Doran Rudnytsky, aus seinem New Yorker Exilanten-Zyklus Reflections des Jahres 1970 und der späteren Bearbeitung To Tragoudi tis Xamenis Kyriakis (Το Τραγούδι της Χαμένης Κυριακής) (The Song of a Missed Sunday) , mit einem Gedicht von Nikos Gkatsos (Νίκος Γκάτσος), im Werkzyklus Antikatoptrismoi (Αντικατοπτρισμοί) aus dem Jahr 1993.
Der avantgardistische cross-over Zyklus Reflections und Antiktoptrismoi des Komponisten Hadjidakis verkürzen die Mythen der Antike auf eine poetische Parabel von wenigen Zeilen; getragen von Hadjidakis Musik überträgt sich ein mythisch-empfundenes Fragment in die kulturell-emphatische Tiefe, die das Kontemporäre, den Mythos und die Historie kulminiert oder überwindet.
Manos Hatzidakis sugerierte dem Künstler die Aufgabe, nicht nach Illustration oder Erzählung des Mythos zu suchen, sondern nach einem schmerzhaften, etwas iniziierenden oder befragenden Moment, welcher poetisch übergeordnet den Mythos und seine Varianten verläßt.
In diesem Initiantionsmoment der Faszination begann Bernhard Karlowitz 2012 seine klassisch-zeichnerische Studienreihe "Orpheus".

Auf formaler Ebene bezeichnet der Orpheus-Zyklus von Bernhard Karlowitz seine bewusste Rückkehr zum Medium der freien Zeichnung. Sie markiert den Ausgangspunkt einer neuen Formsuche nach einem zwanzigjährigen Exilantentum.
Dieses hier angesprochene „Exilantentum“ bedarf einer Erklärung: Es bezeichnet die Konsequenz des jungen Künstlers im Jahr 1994, sein eigentliches, unübersehbare darstellerische Talent – die freie Zeichnung – vollständig aufzugeben. Es war ein Nachgeben vor dem Druck des institutionellen Apparates, der auf die Mappen-Vorlage eines angehenden Kunststudenten mit Häme, Zorn, Verachtung und der Verweigerung des Zugangs zur akademischen Welt reagierte.
Bernhard Karlowitz war bereits vor seinem Studium ein begabter Porträtist in der linear angelegten Zeichnung sowie in der über Schraffuren flächig ausformulierten Form. Gezeichnete Porträts von Karlowitz wurden schon zu dieser Zeit beauftragt und angekauft; seine Porträtzeichnung des Verlegers Franz Distelbarth aus den 1990er Jahren wurde im Prologteil der Publikation Der Verleger Franz Distelbarth als Frontspiz der Würdigung publiziert.
Bernhard Karlowitz erarbeitete eine Bewerbungsmappe, in der die freie Künstlerzeichnung in all ihren Facetten dominierte: figurative Studien, Aktzeichnungen, Porträts, formal-linear angelegte, figurative Malereien und klassische Studienblätter. Die akademisch systemische Reaktion war niederschmetternd: Korrekturgespräche, in welchen dem Zwanzigjährigen gesagt wurde, man wisse nicht, „was sowas solle“; ein irritiertes, von kritischen Augenbrauen begleitetes Wegblättern oder Wegwerfen der Akte und Porträts durch den Raum; und schließlich Professorenkommentare wie: „Was bilden Sie sich eigentlich ein, in dem Alter einen solchen Strich zu pflegen?“

Man ermutigte ihn, lieber eine Weltreise zu machen, anstatt Kunst studieren zu wollen, damit ihm „etwas anderes einfiele“. Ein Korrekturprofessor an der Städel-Hochschule in Frankfurt am Main wurde zum Delphischen Orakel.
Es muss Raimer Jochims gewesen sein. Er teilte ihm, die figurative, klassische Bewerbermappe ratlos hin- und herblätternd, mit, eine Bewerbung hätte am Städel sicher keinen Sinn. Selbst, wenn er durch ein Wunder die Prüfung bestehen würde; es würde ihn kein Professor in seiner Klasse aufnehmen. Er — führte er fort — könne sich darüber hinaus keine einzige Hochschule in ganz Deutschland und darüber hinaus vorstellen, in der diese Form akzeptiert würde, und fügte hinzu:
Bernhard Karlowitz müsse, wenn er denn darauf bestehe, studieren zu wollen, die einzelnen Klassen der Hochschulen individuell aufsuchen, um eine Nische zu finden, „wo man sowas noch machen kann“.
Die historische Dimension, in der die klassische Form der Bildenden Kunst im akademischen Betrieb bekämpft wurde, war dem Studienbewerber nicht bewusst.
Letztendlich griff er den Delphischen Orakelspruch Jochims’ auf und besuchte alle Hochschulen in Deutschland und Österreich, die er terminlich und finanziell bewältigen konnte. Sein Vater ging in der Zeit zu Fuß zur Arbeit, damit sein Sohn mit dem alten 123er Mercedes, Baujahr 1976, die akademischen Pforten mit seinen Mappen belagern und zur Korrektur fordern konnte.

Da dies nach all den Demütigungen der einzig konstruktive Rat für den jungen Maler war, setzte er seine Anfragen an den Hochschulen in Deutschland und Österreich fort.
„Sie finden hier niemanden, die Professoren sind alle weg, es sind doch schon Semesterferien“ — klang im Sommer 1994 wie das „Aus“ für die restliche Saison aus dem Mund der Sekretärin an der Kunsthochschule Kassel. Vielleicht überlegte sie, im Anblick der Verzweiflung des jungen Mannes mit der ein Meter fünfzig großen Wellpappe-Mappe, die mit zerschnittenen Jeans-Streifen zusammengehalten war, noch einmal, und fügte schließlich hinzu: „... höchstens Professor Lobeck, der ist der einzige, der immer hier ist... der läuft hier immer mal rum, wenn Sie Glück haben, sehen Sie ihn in den Gängen irgendwo. Er sieht aber nicht aus wie ein Professor, sondern wie ein Hausmeister... falls Sie ihm begegnen...“. Karlowitz fand Lobeck im Gang, durfte sein Büro mit seiner Mappe betreten und sie auf dem Boden ausbreiten: „Na, Zeichnen kannst du ja immerhin mal.“
Tief traumatisiert durch diese Bewerbungsphase legte Bernhard Karlowitz die Zeichnung jedoch für zwei Jahrzehnte „zu den Akten“. Er begann im Studium ganz bewusst das zu tun, was er bis dato nicht konnte und was zu Recht als ungelenk wahrgenommen wurde: ein reines Malen, rein aus der Fläche, ohne lineare, konstruktive oder grafische Elemente – unter dem vollkommenen Verzicht auf „die Rettung der Form“ durch den gelernten Zeichner. Nur Farbe, Gestus, Fläche.
Karlowitz verstand überdies, dass er nie ein wahrhafter Maler werden würde, wenn er die Sicherheit des bereits routinierten Zeichners nicht für den Maler als getrennte Persona disqualifizieren würde.
Während er kontinuierlich am Aktzeichnen in der Klasse von Prof. Kurt Haug teilnahm, der seine Arbeit konstruktiv unterstützte, malte er in seiner freien Atelierarbeit über das gesamte Studium hinweg ausschließlich.
Eine Bemerkung seines Professors Rolf Lobeck hallte jedoch über Jahre im freiberuflichen Künstler nach, welcher kleine, zeichnerisch erkritzelte Passagen in der Farbabstraktion oft mit den Worten kommentierte: „Das hat was Erzählerisches.“
Angeregt durch die rätselhafte Anziehungskraft der musikalischen Poesie Manos Hatzidakis´ beschloss der Maler im Jahr 2012, seine ungeschulte, unakademische und rohe Jugendzeichnung `auszugraben´, sich der Konfrontation der Traumata zu stellen, die Zeichnung mit dem gereiften Gefühl für Kunst als übergeordnete Idee neu aufzufassen: sie zurückzuholen, um sie als eigenständige Form seiner Kunst autonom zu entwickeln:
Für sein erstes großes Projekt in der Freien Zeichnung wählte er die unverzeihliche Technik der Kalamoszeichnung mit Pinsel-Tuschlasur: Sein Thema wurde die figurativ-dynamische Serie Orpheus (2012).
Orpheus ist immaginativ fest als Liebestragödie oder Sinnbild des künstlerischen Exilantentums verankert. Diese Motive beziehen sich auf die motivische Erzählstruktur und -färbung, welche uns vertraut ist. Gibt es noch eine andere Ebene der Betrachtung?
Der Ausgangspunkt für die zeichnerischen Serien von Bernhard Karlowitz ist der Moment des Umdrehens. Es ist bekannt, daß die Göttin der Unterwelt, Artemis Tochter Persefone, von Orpheus verlangt, den Hades wieder zu verlassen, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen — tut er es doch — verliert er alles. Es drängen sich dem kritischen Künstler, der sich selbst in plötzlichen Drehungen, im schnellen Blick der Rückwärtsbewegung im Spiegel studiert, zwei Fragen auf, die literarisch nicht vertieft analysiert scheinen, als würden die entsthenden Studien selbst ihn danach fragen, was sie da eigentlich tun:
1) Warum gewährt Persefone Orpheus die Gunst, seine Braut Euridike, die tödlich verunglückt war und nun im Hades weilt, wieder mit ins Leben zu nehmen?
und 2) Warum gibt sie ihm die Bedingung auf, er dürfe sich auf dem Weg nach draußen — oder: oben — niemals umdrehen — oder verlöre sonst die gewonnene Gunst und seine restliche Existenz für immer.
In den immerwährenden Strichversuchen, die die Dynamik des Drehens, der Momentanität der flüchtigen Ansicht einer Bewegung, die körperliche Sprache, die sich dadurch bildhaft kommuniziert befragend, purzeln die Gedanken des Malers zu einer anderen Stelle, die zum Ausgangspunkt seiner Annäherung an das Rätsel des Mythos sein wird.
Lassen Sie uns kurz abschweifen, um ein tieferes Verständnis für die Kunstgenese des zeichnerischen Zyklus zu erlangen, wir kehren anschließend wieder zum Rätsel der Motivation der Persephone zurück. Der Künstler als Modell ist eine Konstante der Kunstgeschichte, die oft mißverstanden wird. Beobachtet man die Studien, die Michelangelo in seinem geheimen Refugium — seinem existenziellen Versteck im Keller der Medici-Kapelle — an die Wände zeichnete, so sieht man die Sicherheit der physischen Imagination, die er aus dem visuellen und taktilen Studium des Körpers und dem Wissen um die konstruktionelle Ebene verdankte. Ist es denkbar, daß der Künstler stets ein Modell befehligen konnte, stets, wenn er eine Idee hatte, Zugriff auf das passende Modell hatte? Der Künstler arbeitet im Hinblick auf sein kulturell-emphatisches Wesen, seinen Intellekt und seine physische Realität als Reflexionsfläche seines Werkes. Der kürzeste Weg zur Beschäftigung ist immer — fast immer der beste — oder, oft: der einzig mögliche.
Ein Rückbezug auf den Beginn der großen Tradition der menschlichen Figur in der Kunst verdeutlicht, daß der Umgang mit dem Medium Körper ein anderer, funktionalerer, war. Der Mensch der Antike war physischer Ausdruck seines philosophischen und intellektuellen Strebens. Der Anblick, die Funktionalisierung oder die Thematisierung von Nacktheit war Teil der Bildung selbst. Der erfundene Schuldkomplex einer neuen, dogmatischen Religion sollte dieses Privileg einer ungezwungenen Beschäftigung mit dem Körper des Menschen — mit dieser Ebene einer philosophischen Betrachtung — bis heute — unterdrücken.
Eine Beschäftigung mit dem eigenen Körper muß in unserer Zeit als eine explizite Beschäftigung mit der eigenen Sexualität, dem Ausbrechen aus der Norm oder in der Tradition einer bewußten Provokation deklariert werden. Künstler wählen gar bewußt, als pornografisch selbstgelabled aufzutreten, um einer schlüpfrige Debatte ihrer Beweggründe vorweg auszuweichen.
Die klassische künstlerische Form des Torsos der Renaissance, der den Rumpf und implizit den Unterleib meint, wird im Lauf der Geschichte einfach zum "Oben ohne" umgedeutet und so — falsch — in den Sprachgebrauch aufgenommen. Der Künstler im Selbstportrait, oben ohne im Atelier, gerät zum Thema des nonchalanten, ungestümen Auftretens, des authentischen Moments - fast wie die Photoshoots von Männern beim Gärtnern, die suggerieren, daß es Gründe zum Anblick gibt, die moralisch integer sind. Auch, wenn mancheiner meinen möge, diese Debatte sei in einer Freien Gesellschaft längst abgelegt: die Geschlechtsteile von männlichen oder weiblichen Unbekleideten gleichermaßen wurden konsequent — und bis heute — in einer Kunst, die nicht in erwähnte Raster ausbricht, negiert — marginalisiert, retuschiert.
Die Ausnahme eines Egon Schiele stellt die nachträglich gewürdigte Ausnahme, mitnichten die von da an gängige Norm, dar. Im Ergebnis ist aufgrund der Vorwegnahme der Debatte eine Ignoranz des Themas seitens des Künstlers im Kontext der Gesellschaft gar nicht möglich.
Die Nacktheit ist aber einzig mögliches Symbol für den Menschen im Ringen um die Existenz oder sein Sein an sich. Der Versuch, dieses Symbol zu zerstören, ist gescheitert, auch die Rückgewinnung der Künstler über seine Hoheit noch lange nicht abgeschlossen ist.
Die Gravitation die den Menschen hält, beugt, bezwingt, stellt die Kraft dar, der er sich entgegenstemmt, um nach seiner Form zu ringen.
Daß Bernhard Karlowitz seine Orpheus-Studien alleine in seinem Atelier vor dem Spiegel begann, bezeugt den ungeplant—unstrukturierten Einstieg in eine thematische Beschäftigung, welche nur ein Glaß Wasser, eine Flasche Tusche, eine Kalamosfeder, Papier und das jederzeit bestverfügbaren Modelles, welches sich ständig, mit Schwung, in verschiedenen Arten, zu drehen hätte, verlangte.
Kehren wir zurück zur Genesis der künstlerischen Serie und zur Befragung der Persephone und wie wir sie befragen. Wir prüfen, welches die Sprache ist, in der der Künstler sich der Frage annähert.
Die expressionistische Serie in der Tradition von Oskar Kokoschkas „O Ewigkeit, du Donnerwort“ ist, wie im Text zur Kunstgenese der Hekubaserie bereits angesprochen wurde, eine künstlerisch-investigative Technik, in welcher die Einzelarbeiten des Schaffensprozesses den Fortlauf des Zyklus bestimmen. Die Bedeutung dieser Feststellung ist im Kontext einer zeitgenössischen Kunst, welche wieder zum vor-modernen Verfahren der vorgefassten Bildidee radikal zurückkehrt, vehement.
Kunst, von der Moderne in ihrer Definition als Prozess neu entdeckt, welcher in der Reibung des Künstlers mit dem Material und dem Gestaltungsakt und seinen Facetten — dem Moment, in seiner Psychologie, in seinem Zufall —, aber auch dem punktuellen Moment der Erkenntnis im Schaffensprozess und der formalen Konsequenz des modernen Künstlers in diesem Prozess, die ungemein radikal sein mag oder auch subtil — erst die Definition Kunst erfüllt; diese so neu verstandene Kunst und der so definierte Künstler, der eben kein Anwender sei, wurde in der stillschweigenden Wiedereinführung der verbindlichen Bildidee, des strikten Konzeptionalismus, der inhaltlich vorgefertigten Botschaft, die nur „erfüllt“ wird, in dieser Weise in der Postmoderne und in heutiger Zeit so rückdefiniert; sie wird kastriert.
Die malerische Form als aktives und ungezähmt agierend subjektivisch verstandenes Element der Gestaltung wird — insbesondere in der expressionistischen künstlerischen Serie — zum kommunikativen Gegenüber des moderierenden Künstlers, der nicht aus seinem Plan, seiner Idee, sondern aus dem „Feedback“ des Materials heraus, passiv, die Gestaltungshoheit an die Form abgebend — agiert.
Die cézannesque Graphitzeichnung definiert den modernen, zeichnenden Maler selbst als Medium, welches seine künstlerische Empathie in der Formfindung in seismografischer Kontinuität über Duktusvariation, Grauwertmodulation und den fließenden Wechsel von Flächen- zu Lineardiskussion abbildet. Diese Form bildet — in diesem Sinne — gar die Chronologie der künstlerischen Empfindung im unmittelbar umgesetzten Observationsakt ab.
DerKalamos ist eine Rohrfeder, ein kurz geschnittenes, angeschrägtes Bambusrohr, das als Feder dient. In der Studientechnik mit Kalamos — Tusche — Wasser — Pinsellasur geschieht folgende Veränderung: Die Lineardiskussion wird als formal dominantes Element definiert, welches durch die rasante Geschwindigkeit, in der Striche gesetzt werden, noch flüchtiger, noch unmittelbarer nach dem Gestus der augenblicklich-simultanen Observation greift. Die suchende, sich herantastende Linie hat hier keinen Platz: Die Kalamoslinie wird sicher aufs Blatt gepeitscht oder das Blatt kommt weg:
Schlaglichter der Erkenntnis. Zeit für Konzepte, Überlegungen oder ästhetische Prädispositionen gibt es nicht. Vermessungs- oder Proportionsschule findet nicht in einer Annäherung statt; sie ist prädispositiv vorausgesetzt
Die Kalamoslinie findet ihre Ausdrucksnuancen in der intuitiven Tempovariation des Gestus; sie folgt dem Blick, sie folgt der observatorischen Frage in ihrem Gestus. Sie wird somit zum musikalischen Instrument. Ihre Harmonie — wenn man so fortsetzen will — gestaltet sich über eine Lasur-Flächendiskussion, die ebenso schnell, unmittelbar und verbindlich die lineare Zeichengebung als harmonische Sinfonie abschließt.
Bedenkt man nun — in der Rückbesinnung auf den Exkurs zur Selbstabbildung des Körpers durch den experimentell arbeitenden Künstler — die Situation, in der nicht nur der Strich des „gestaltenden“ Künstlers im Schlagtakt der Observationsmomente geschieht, sondern daß auch der „darstellende“ Künstler im Selbstmodell in dieser dynamischen Modell-Choreographie des wiederholt ruckartigen Umdrehens immer nur den augenblicklich der Drehung abgerungenen Blick für den observativ-flüchtigen Moment freigibt, dann wird klar, wie ruckartig und impulsiv die gestalterische Aufgabe von Bernhard Karlowitz für dieses Projekt gestellt war.
Seine Choreographie widerspiegelt selbst die situativ-momentane Wahrheit des Orpheus. Er befindet sich auf dem Weg ins Licht, in die Freiheit, ins vollkommene, weltliche Glück, als er sich, einem schlagartigen, unbezähmbar-mächtigen Impuls folgend, intuitiv-unreflektiert herumreißt, dabei alles riskiert — alles verliert.
Im kurzen Erhaschen des Blicks auf die gespiegelte Drehung folgt der sofortige Strich, noch in der Dynamik der Choreographie selbst. Der Zeichner sieht das Modell immer nur schlaglichtartig kurz und muß daraus seinen Strich ableiten.
Im Entstehen der Figur entsteht ihre Frage an den Künstler:
Was tust du da?
Die situativ-choreographisch dominierte künstlerische Auseinandersetzung erzwingt die Frage, die in der Kulturwissenschaft als gemeinhin gegeben angenommen wird. Wie definiert sich die Entscheidung oder der Impuls des Orpheus im Moment des Umdrehens? Warum tust du das? Was soll das?
Es ist gängige Übereinkunft, daß vielerlei Erzählgestaltungen der antiken Mythen in ihrer skurrilen Erscheinung hingenommen werden — im Sinne einer planlosen Laune der Götter, passend zu deren immer wieder überraschenden Handlungen und Launen.
Bei genauerer Betrachtung bietet sich aber häufig die Möglichkeit, hinter den als so gegebenen Erzählkonstrukten eine erzähltaktisch-sinnige Entsprechung aufzufinden.
Ein Beispiel: Warum erwartet die Sphinx den Ödipus auf seinem Weg nach Theben und stellt ihm das Rätsel, wer denn am Morgen auf vier, am Mittag auf zwei und am Abend auf drei Beinen gehe? In dem Ödipus die Antwort weiß, darf er seinen Schicksalsweg fortsetzen und Theben betreten.
Sophokles spiegelt uns in dem Rätsel das Bild, daß die ganze Tragödie immer wieder auf eine Erkenntnis zurückgeworfen wird: Du bist, was du bist. Du kannst es nicht ändern. Es gibt ein Schicksal, dem du nicht entkommst — so wie es als Rätsellösung heißt: "der Mensch, er krabbelt als Säugling, geht erwachsen auf zwei Beinen und im Alter am Stock". Sophokles deutet mehrfach in anderen Momenten auch darauf hin, daß die Art und Weise, wie man seinem Schicksal begegnet, dem Menschen durchaus freisteht, auch wenn man ihm nicht entkommt.
Für Orpheus ist der zentrale Moment des Verständnisses ein anderer: Es ist sein Umdrehen. Wir wollen ihm zurufen: "Tu´s nicht — dreh´ dich nicht um, du verlierst sonst alles!" Aber: Es gibt nur eine Erklärung dafür, warum er nicht nur „alles riskiert“, sondern „alles wegschmeißt“:
Orpheus kann schlichtweg nicht die Aufgabe der Persephone erfüllen. Er besteht auf seinen prüfenden Blick. Er besteht auf seine eigene, gewonnene Erkenntnis, er besteht auf die Souveränität seiner Entscheidungshoheit. Ein schlichtes: „Sei gewiß, alles wird gut sein, du mußtes nicht prüfen“, genügt ihm nicht nur nicht — er erträgt es nicht.
Er mußes selbst sehen.
Er muß seinem Zweifel folgen.
Er besteht auf sein Recht und seine Pflicht des Zweifelns.
Orpheus formt somit den Künstlerarchetypus. Der Mythos sagt uns, daß für ihn, unter Bestehen auf seine Prämisse, kein Platz in der Gesellschaft ist. Der Mythos erzählt uns, daß junge, aufstrebende Intellektuelle nach dem Unangepaßten in seinem Exil suchen, um seine kritischen Gedanken, seinen freien Geist, seine Kunst aufzusaugen. Der Mythos erzählt uns, daß die Frauen als symbolisches Wächtertum einer funktionalen Gesellschaft diesem Querulantentum ein Ende setzten und Orpheus in Stücke reißen und ins Wasser als Fischfraß werfen.
Die Radikalität seines Bestehens auf das Recht des Zweifelns wird mit der radikalsten Form der Vernichtung bestraft: Seine Zerstückelung und die Verweigerung der — damals heiligen — Bestattung und der Chance auf ein dem Leben übergeordnetes Sein.
Der Mythos erzählt uns auch: Orpheus, durch seine unkorrumpierbare Künstlerseele, konnte Olivenbäume dazu bringen, ihm nachzufolgen, so rein und schön war seine Kunst.
Orpheus dreht sich um, weil er sich für die Persona des Künstlers entscheidet, auch auf Kosten einer weltlichen Existenz oder gar seines Lebens.
Jede der Zeichnungen des Werkzyklus von Bernhard Karlowitz leuchtet in einem Erkenntnisschritt zu den beschriebenen kulturwissenschaftlich freien Funden auf.
Die zeichnerische Serie „Der Zweifel des Orpheus“ beleuchtet den Akt des Umdrehens als Schreckensmoment der Bewußtwerdung seines Verlustes, als qualvoll erkämpfte Konsequenz seiner Selbstbehauptung, als Erkenntnismoment seiner Wahl für ein selbst reflektiertes Sein.
„Der Zweifel des Orpheus“ aus dem Jahr 2012, in rasant ausgeführter Kalamos–Tusche–Pinsellasur–Technik, bedeutet nicht nur die Rückkehr des Zeichners Bernhard Karlowitz nach zwanzigjährigem Exilantentum — sie bedeutet die Reifung zum künstlerisch investigativen Intellektuellen, der über täglich akribisch ausgeführte Atelierprotokolle, die Lektüre antiker Originaltexte (Bernhard Karlowitz begann 2014 das Studium des umfänglichen Corpus Platonikum) und über eine autonom entwickelte Formsprache einen abstrakt–künstlerisch–bildsprachlichen Intellektualismus sowie eine neue, erzählerisch–reflektive Dimension seines Oeuvres erarbeitete.
Jede Arbeit der Serie behauptet die absolut unikatäre Individualität in Form, Expression und poetischem Reflexionsmoment.
Sie ist der Ausgangspunkt für das große Tetraptychon „Der Zweifel des Orpheus“, gemalt in Eitempera und Ei-Harz-Tempera auf Leinwand, welches Bernhard Karlowitz im Jahr 2013/2014 erschuf. „Der Zweifel des Orpheus“ war der offizielle Wettbewerbsbeitrag des Künstlers im wichtigsten Porträtwettbewerb Europas oder gar weltweit: dem NPG Portrait Award in London, UK.
Betrachter in London erkannten in Karlowitz’ „Der Zweifel des Orpheus“ eine legitim expressionistisch–figurative Nachfolge der deutschen Vorkriegsmalerei.
„Der Zweifel des Orpheus“— das Gemälde — spürt letztendlich der Frage nach: Warum hat Persephone das getan?
werden einzelne Blätter oder selektiv gerahmte Exponate des Zyklus zur Ansicht geöffnet.
In der Annäherung an das Quadrat, aber eben im — um wenige Millimeter — bewusst —umgangenen Quadrat, als Format, zwingt der Künstler den Betrachter zum Einnehmen eines fokussierten, zentrierten Blicks, ohne eine Schildmetapher zu generieren.
Das helle Zeichenblatt ist mit zwei Anschnitten besetzt, welche die Figuration aus dem Bildraum treten lassen, ohne die Einheit der vollen Figur zu kompromittieren:
Ein Teil des Fußes des Standbeines und das struppig in der Drehung herumgewirbelte Haar treten mit rasantem Strichschwung oben und unten jeweils aus dem Blatt und brechen somit den Bildraum.
Der Künstler betont in dieser Anschnittsentscheidung die unmittelbare Dringlichkeit des dargestellten Momentes.
Das Zentrum dieses Blattes wird besonders vom Künstler besetzt: Er führt hier ein Symbol ein, welches durch das quadratische Format und die kompositorisch mittige Besetzung mehrfach zum optischen Zentrum wird: Es ist die offene Handfläche der Figur. Sie wird in der Drehung flüchtig gezeigt.
Die flache, offene Hand wird dabei als Zeichen, als Symbol manifestiert. Bernhard Karlowitz begann auf diesen Blättern erstmals mit der offenen Symbol-Hand zu agieren und so gezielt poetische oder narrative Bildbotschaften symbolisch zu verschlüsseln.
Die Hand wird in dieser Phase des Werks dabei nicht präzise im Sinne einer verbalen Bedeutung benannt. Sie wird auch nicht in der Reminiszenz an bekannte symbolsprachliche Elemente der Kunstgeschichte besetzt. Sie wird, an dieser Stelle seines figurativen Werkes, vielmehr, im Œuvre des Künstlers als autonom entwickeltes Symbol erschaffen.
Karlowitz´ Hand-Symbol kann im Kontext der Darstellung sowohl „Schuld“ als auch „Unschuld“ oder das Vorweisen von „ich bin unschuldig“ oder „ich bin schuldig“ bedeuten. Sie kann ebenso in der Geste und chromatischen Ausgestaltung die Frage nach Schuld oder Unschuld oder das Erkenntnismoment dieser Reflexion bedeuten.
Als kultursymbolische Geste könnte man sie in Verbindung bringen mit der Geste: „ich bin friedlich“, „ich bin nicht bewaffnet“. Das Symbol, daß zur zentralen Metapher in vielen figurativen Arbeiten des Künstlers werden sollte, ist hier, noch im Formprozess des symbolsprachlichen Schaffens, aus dem Gestus gesetzt, wirkt im Überflug des zeichnerisch über Lasuren eingefangenen Drehmoments nahezu wie ein stolzer Schmuck, der gehalten und gezeigt wird.
Orpheus reflektiert somit in seiner Entscheidung zum Künstlertum die Frage nach der Konsequenz ihrer mythischen Strafe. Diese zentrale Arbeit der Serie weist auch einen, zwar in Sekunden gestisch über Lasuren hingeworfenen, dennoch deutlich ausformulierten Ausdruck des Blickes im Erkennungsmoment auf.
In einer gegenlichtlich angelegten Schattenüberlagerung erscheint der Ausdruck nicht offensichtlich, sondern in ein Moment des Rätsels getaucht. Orpheus scheint nicht vordergründig aggressiv, nicht verzweifelt, nicht konsequent oder auch befreit zu sein, indem er den entscheidenden Wendepunkt seines Seins vollzieht. Es scheint eher der Ausdruck dieses entschlossen ausgeführten Sich-Drehens selbst zu sein, der bewusst, die Tragweite seiner Wahl, Persephones Gesetz zu brechen, begreifend reflektiert vollzogen wird.
Diese Arbeit wird nicht nur durch die Voll-Figuration und das Auftauchen der Hand im Œuvre des Künstlers und das eingebaute Porträt zum Zentrum des Zyklus; sie ist auch die Arbeit, in welcher die optische Verwaschung des ruckartigen Drehmoments über die Liniendynamik und die Pinsellasuren voll zum Ausdruck kommen.
Bernhard Karlowitz greift die Tradition der aquarellierten Federzeichnung in ihrer Bedeutung als rasant ausgeführte Technik auf, wodurch sie zum Reisemedium, zum Notizblock des Malers wurde; von angewandten Malern durchaus auch um des ästhetischen Reizes willen bemüht. Den Kalamos versteht der Künstler nicht als asiatisches Instrument des wesensreflektierenden, ästhetischen Zeichens, sondern als rhythmisches Schlaginstrument; er setzt dabei seine über Jahrzehnte trainierte Sicherheit, figurative Nuancen im Strichschlag melodiös zu modulieren, jedoch ein, sodaß sein Stil dennoch in der figurativ-expressiv verbindlichen Tradition steht.
Karlowitz bricht die ästhetische Formtradition aber in seiner Rückkehr zur Zeichnung auf:
Die lasierte Fläche ist nicht luftig–reizvoll appliziertes Akzidenz zur ästhetischen Linie — die gestaltende Hoheit des Maler–Arms, des Malergespürs für gegenlichtlich–diffus subtile Flächen dirigiert die technisch–graphische Formsprache der Tradition in das flächentektonische Gesetz der Malerei.
Die Konsequenz des Exils des Zeichners — welcher die Entwicklung des Malers in seiner Dominanz verhindert hätte — läßt die Malerei als Auffassung nun mit Urgewalt auf die alte Hoheit des Zeichners prallen und erschafft eine künstlerisch–expressive Form, welche — so — auf keine historische Tradition oder Referenz verweist.
Die hier dargelegte, werkformale Phänomenologie des zentralen Blattes steht exemplarisch für das tiefenbiografische und bildsprachliche Fundament der zur Präsentation selektierten Einzelwerke der Serie.
Aus dem umfassenden Werkkonvolut wurden vom Künstler für den privaten Konvent der Privatgalerie lediglich acht unikatäre Arbeiten zur Präsentation freigegeben. Jedes dieser unikatären Blätter erstreitet die Frage nach der Orphischen Befragung in einer eigenständigen, expressiven Nuance der Formgebung.
Kuratoren und ausgewählten Sammlern wird der exklusive Einblick in die weiteren, analytisch bearbeiteten Exponate des Zyklus ausschließlich im Rahmen einer persönlichen Präsentation und nach vorheriger, schriftlicher Anfrage im Heilbronner Atelier geöffnet.
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